21.September.2019: 1. Neuendorfer Dorfgespräch

Für den 21. September 2019 lud der Verein Geschichte hat Zukunft – Neuendorf im Sande e.V. zum „1. Neuendorfer Dorfgespräch“ auf den Gutshof ein. Ziel war es, ausgehend von der jüdischen Geschichte des früheren „Landwerks Neuendorf“, in dem zwischen 1932 und vermutlich bis 1941 jüdische Menschen mit einer landwirtschaftlichen oder handwerklichen Ausbildung auf die Auswanderung aus Deutschland vorbereitet wurden, ins heute zu schauen. 1941 bis 1943 wurde das Gut zum NS-Zwangsarbeiterlager, nach 1945 und zu DDR-Zeiten dann Volkseigenes Gut. Auch dieser Teil der Geschichte sollte nicht zu kurz kommen. Wir wollten alle ins Gespräch bringen: Alte und neue Neuendorfer:innen von Dorf und Gutshof, Menschen aus der Region, Wissenschaftler:innen und Angehörige ehemaliger Bewohner:innen. Ehrengast war Gert Rosenthal, Sohn des bekannten Showmasters Hans Rosenthal, der in Neuendorf als Zwangsarbeiter lebte und in Fürstenwalde auf dem Friedhof arbeiten musste. Rund 60 Menschen kamen zum Dorfgespräch. Sie leben auf dem Gutshof, kommen aus dem Dorf neben dran, aus der Region. Mit dem Landwerk verbinden sie alle eine besondere Geschichte.

Zum Beispiel Frank Rupnow. Er ist auf dem Gutshof groß geworden. Zu DDR-Zeiten hat er dort in der Landwirtschaft gearbeitet. Mit der Wende musste er – wie so viele – neu anfangen. Aber er blieb in Neuendorf im Sande. Er wünscht sich, dass die Geschichte des Ortes nicht in Vergessenheit gerät, sondern lebendig bleibt. Eine langjährige Freundschaft verbindet Rupnow mit Jörg Weilbach und Holger Pelz. Alle drei verbrachten ihre Kindheit auf dem Hof und in den Wäldern. Sie teilten ihre Erinnerungen an das Neuendorfer Leben zu DDR-Zeiten, an den Bruch der Wende, an die Unsicherheiten vor dem Verkauf des Gutshofes 2018. Einig waren sich alle, dass die Erinnerung bewahrt werden muss. Jörg Weilbach und Holger Pelz leben heute im eigentlichen Dorf Neuendorf im Sande. Sie wünschen sich, dass der Gutshof und das Dorf enger zusammen wachsen.

Mit dabei war auch Harald Lordick, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Salomon Ludwig Steinheim Institut für deutsch-jüdische Geschichte. Lordick führte über den Gutshof und schilderte eindrücklich welche Spuren aus längst vergangenen Zeiten noch immer sichtbar sind auf dem Gelände. Zum Beispiel das „Schloss“, in dem zu Hachschara-Zeiten jüdische Menschen untergebracht waren. Aber auch der alte Bullenstall oder die Gärtnerei. Dort arbeiteten die Bewohner:innen.

Beim Dorfgespräch ging es aber nicht nur darum, an die Vergangenheit des Ortes zu erinnern, sondern auch die bedeutsame Geschichte für Debatten der Zeit zu nutzen. Wie geht die Region damit um, dass immer Menschen aus der Stadt in die Dörfer ziehen? Wie begegnen Menschen, denen, die aus anderen Ländern fliehen mussten und nun in Brandenburg ein neues Zuhause haben? Welche Rolle spielen Fremdenhass und Ausgrenzung? Udo Grabs, Mitglied im Ortsvorstand von Neuendorf, betonte die Offenheit der Dorfgemeinschaft für Neuankommende.

Lars Rinner, der gemeinsam mit seiner Frau vor einigen Jahren die Patenschaft für eine syrische Familie in Fürstenwalde übernommen hatte, drückte die Hoffnung auf Zivilcourage aus. Wer diskriminierende Behandlung nicht-weißer Menschen mitbekomme, müsse den Mund aufmachen, sagte er, auch das sei eine Lehre der deutschen Geschichte. Leylan, aus Syrien stammende Studentin, berichtete aus ihrem Alltag, über den fehlenden Kontakt zu Deutschen, über ihre Hoffnung, hier in Frieden leben zu können. Gabi Moser, Sozialarbeiterin in Fürstenwalde, forderte, dass noch mehr Menschen aufstehen und sich Vorurteilen und Rassismus entgegenstellen.

Den Abschluss der Veranstaltung machte die beeindruckende Musik von Deniz Mahir Kartal, die erselbst als „Anatolian Electronics“ bezeichnet.

Das Dorfgespräch wurde gefördert vom Programm „Miteinander Reden“ der Bundeszentrale fürPolitische Bildung.

4. Mai 2019: Der 94. Geburtstag Jutta Baumwohls

Am 4. Mai 2019 wäre Jutta Baumwol 94 Jahre alt geworden. Jutta war mit 15 „auf Hachschara“ nach Schniebinchen gegangen (heute in Polen) und kam 1941 als Zwangsarbeiterin nach Neuendorf. 1943 wurde sie von dort aus mit den letzten verbliebenen Bewohner*innen des Landwerks nach Auschwitz deportiert und ermordet

Ihr Bruder Itzhak Baumwol und fünf weitere Mitglieder seiner Familie sind zu ihrem Geburtstag aus Tel Aviv angereist, um uns in Neuendorf zu besuchen. Das Denkmal am Eingang des Gutshofes ist für sie ein Ersatz für das Grab, was es nicht gibt.

Am Denkmal konnten wir die deutsche Version der Gedenktafel enthüllen. Itzhak erinnerte daran, wie Jutta in ihrem letzten über das Rote Kreuz versandten Brief an ihre Familie schrieb: „Ich fahre bald zur Oma. Seid stark!“ Die Oma war schon lange gestorben. Jutta wusste, was sie erwartete, und versuchte, mit diesen Zeilen ihre Familie zu trösten.
Und er erinnerte uns eindrücklich daran, alles dafür zu tun, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Viele waren gekommen, um der Zeremonie am Denkmal beizuwohnen und anschließend gemeinsam im Speisesaal des Gutshauses bei Kaffee und Kuchen miteinander zu reden und Jutta zu feiern.

Für alle, die dabei waren, ein sehr bewegender Tag.