10. Juli 2021

„Wir dürfen nicht schweigen!“

Ein Nachruf auf Esther Bejarano

Esther Bejarano (15.12.1924 – 10.07.2021) bei ihrem Besuch in Neuendorf

Auf den Tag genau sechs Wochen ist es her, dass wir Esther Bejarano bei uns auf dem Gutshof Neuendorf im Sande gemeinsam mit der Band Microphone Mafia zu Gast hatten. Es war ihr letztes Konzert. Heute, am 10. Juli 2021, ist sie gestorben.

Mit Neuendorf verband sie eine besondere Geschichte. 1941 war Esther Bejarano als 16-Jährige auf dem Gutshof Neuendorf interniert worden. Sie musste in einem Blumenladen in Fürstenwalde Zwangsarbeit leisten, bis sie im April 1943 mit anderen jüdischen Jugendlichen von Neuendorf aus zunächst nach Berlin in die Große Hamburger Straße und von dort aus mit dem „37. Osttransport“ in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde.

Bei ihrem Besuch bei uns, teilte sie mit uns ihre Erinnerungen an diese Zeit. Daran, dass sie mit den anderen Mädchen im ehemaligen Jagdschloss des Gutshofes untergebracht war, an die harte Arbeit, an die Unterdrückung durch die SS, an die beschwerlichen Momente auf dem Hof. Esther Bejarano überlebte nach den Lagern Auschwitz und Ravensbrück auch einen wochenlangen Todesmarsch, dem sie schließlich – gemeinsam mit einigen Freundinnen aus der Zeit in Neuendorf – entkam. „Als wir im Konzentrationslager waren, haben sich einige Freundinnen von mir das Leben genommen: Sie sind in den Stacheldraht gegangen, der elektrisch geladen war. Das hätte ich niemals gemacht.“

Und Esther Bejarano gab uns mahnende Worte mit auf den Weg. „Wenn die Regierung nichts gegen die Nazis tut, dann müssen wir das tun. Wir dürfen nicht schweigen!“ Diese Worte hallen weit über ihren Besuch bei uns nach. Gerade in Zeiten, in denen rechtsextremes Gedankengut und antisemitische Angriffe nahezu salonfähig geworden sind. „Wir überleben trotzdem. Wir sind da!“ sagte Esther Bejarano während ihres Konzerts mit ihrer Band Microphone Mafia. Ihre Botschaft ist auch für uns ein Auftrag.

96 Jahre alt wurde Esther Bejarano. Ein unglaubliches Alter. Als sie nach mehr als sieben Stunden Autofahrt in Neuendorf im Sande eintraf, wollte sie nichts weiter als auf die Bühne, zu ihrem Publikum. Ein Paar Tassen Schwarztee, eine Wärmflasche und eine Decke gegen das unwirtliche Wetter an diesem kühlen Tag Ende Mai. Mehr brauchte sie nicht. Fast zwei Stunden lang begeisterte sie uns mit ihren Erzählungen, ihrer Geschichte, ihrer Musik. Uns Erwachsene, wie unsere Kinder.

Auf Esther Bejaranos Auftritt in Neuendorf haben wir lange gewartet. Als sie zum Abschluss des Tages mit uns in unserem Gemeinschaftsraum zu Abend aß, haben wir noch abgemacht, dass wir uns auf jeden Fall wiedersehen. „Wenn es euch mit mir so gut gefallen habt, dann komme ich nächstes Jahr wieder“, sagte sie. Daraus wird nun nichts.

Es war eine Ehre für uns, sie an diesem Ort, der für Hunderte Menschen in den 1940er Jahren Hoffnung und Schrecken bedeutete, zu begrüßen. Wir haben eine Frau kennengelernt, die eine unfassbare Kraft und Stärke ausstrahlte, einen Menschen, der nie ans Aufgeben dachte, sondern nur ans Überleben, ans Weitermachen. Wir sind sehr traurig. Wir werden sie nie vergessen.

Julia Cartarius, Sarah Graber, Mahir Kartal, Silke Kehl, Bernd Pickert, Lukas Pottiez, Tanja Tricarico, Simon Unger, Katharina Vorbau

8. Mai 2021

Im vergangenen Jahr verabschiedete die Gemeindevertretung von Steinhöfel die „Erklärung für ein weltoffenes Steinhöfel“. Darüber, was das eigentlich heißt, wollten wir eigentlich an diesem 8. Mai, dem Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, bei uns auf dem Gutshof diskutieren. Mit Menschen aus dem Bündnis Weltoffenes Steinhöfel, mit Gemeindevertreter*innen, mit Anwohner*innen. Gleichzeitig wollten wir an die erinnern, die vom Gutshof aus im April 1943 nach Auschwitz deportiert wurden. Viele von ihnen erlebten die Befreiung nicht mehr. Den Abschluss sollte ein Konzert der wunderbaren Band Compania Bataclan bilden. Wegen der Coronapandemie haben wir das alles in ein Videoformat übersetzt – das Ergebnis seht ihr hier!

7. Mai 2020

Kein Betroffenheits-Museum, sondern ein Ort der Begegnung! Wir haben uns mit unserem Nachbarn Arnold Bischinger von der Kulturscheune Neuendorf zusammengesetzt, um darüber zu sprechen, wie Erinnerungsorte lebendig werden können und was ihn selbst bei der Beschäftigung mit der Geschichte des Gutshofes am meisten beeindruckt hat. Bischinger, inzwischen Leiter des Kulturamts in Beeskow, hatte vor einigen Jahren damit angefangen, mit Ausstellungen und Veranstaltungen an die jüdische Geschichte des ehemaligen Landwerks zu erinnern. Hier das Video vom Gespräch mit Bernd Pickert.

Dank an Tanja Tricarico fürs Filmen und an Simon Unger für Hilfe beim Bearbeiten!

15. März 2020

Leider sind wir durch die Corona-Lage ausgebremst und es ist derzeit unklar, wann wir wieder Besuchergruppen auf dem Gutshof empfangen können.

5. Januar 2020

Wir werden in absehbarer Zeit (wir sind bei der Renovierung) Räume auf dem Gutshof haben, um zu zeigen, was wir bislang über die Geschichte des Landwerks Neuendorf haben herausfinden können. In der – zu DDR-Zeiten eingerichteten – Gemeinschaftsküche im Keller des Gutshauses haben wir einige Räume angemietet, die vermutlich spätestens ab Mitte Februar in leidlich präsentablem Zustand sein werden.

Wer vorbeikommen möchte: Bitte Mail an info@geschichte-hat-zukunft.org