6. September 2022

Vor ein paar Wochen hat uns die Journalistin Meike Bischoff von Radio Dreyeckland besucht und ein langes Interview mit unserem Vorstandsmitglied Bernd Pickert geführt. Der erste Teil ist jetzt online:
https://rdl.de/beitrag/die-einzige-m-glichkeit-hier-rauszukommen-war-bauer-lernen

7. Mai 2022

Es war ein sehr schöner und bewegender Tag, als wir am 7. Mai erneut die Familie Baumwol bei uns begrüßen und nach vielen Monaten Arbeit unsere Dauerausstellung zum Landwerk Neuendorf eröffnen konnten.
Verena Vargas Koch hat den Nachmittag dokumentiert, dabei auch die wunderbare Musik von Tania Alon und Deniz Mahir Kartal.

27. Januar 2022

Am Donnerstag, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, trafen wir uns mit rund 30 Personen am Denkmal für Jutta Baumwol. Eingeladen hatte unser Verein und Pfarrer Kevin Jessa, der anschließend in die Neuendorfer Kirche zu einer Gedenkandacht bat.
Im folgenden die Rede, die unser Vorstandsmitglied Bernd Pickert am Denkmal hielt.

Liebe Freundinnen und Freunde,
heute vor 77 Jahren erreichten die ersten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Wir sprechen von diesem Tag als dem Tag der „Befreiung“ des Lagers – aber viele waren es nicht mehr, die dort befreit werden konnten.
In der sogenannten Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 hatten sich hohe NS-Funktionäre darauf verständigt, wie der Mord an insgesamt 11 Millionen europäischen Juden durchzuführen sei. Tatsächlich erreichten sie, über 6 Millionen davon zu töten, bevor ihre Herrschaft endlich zusammenbrach.
In Auschwitz allein war über eine Million Menschen seit Bestehen des Lagers umgebracht worden. Am 17. Januar waren beim letzten Zensus des Lagers noch 68.000 Gefangene gezählt worden. Als die sowjetischen Soldaten eintrafen, waren es noch knapp 8.000.
Neun Tage zuvor war das Lager geräumt worden, Zehntausende wurden auf den Todesmarsch geschickt, in klirrender Kälte, geschwächt, nur mit der dünnen Häftlingskleidung, mit schlechtem Schuhwerk. Nur die Kranken blieben zurück – die SS hatte es nicht mehr geschafft, sie zu ermorden, und ließ sie zum Sterben zurück.

Primo Levi, 1919 in Turin geboren, war ein italienischer liberaler Jude. Als Student schloss er sich im Herbst 1943 dem antifaschistischen Widerstand an. Im Dezember geriet seine Gruppe in Gefangenschaft, im Februar 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert.
An Scharlach erkrankt, war er im Januar 1945 zusammen mit etwa 800 anderen Gefangenen im Krankentrakt von Buna-Monowitz – das war ein Außenlager von Auschwitz, in dem die IG Farben unter Ausnutzung der Gefangenen ein Chemiewerk betrieb. Primo Levi war als Chemiker dort eingesetzt gewesen, jetzt gehörte er zu jenen wenigen, die noch in Auschwitz waren, als die Rote Armee dort eintraf.

In seinem Buch „Die Atempause“ beschreibt er die Szene so:

Die erste russische Patrouille tauchte gegen Mittag des 27. Januar 1945 in Sichtweite des Lagers auf. Es waren vier junge Soldaten zu Pferde; vorsichtig ritten sie mit erhobenen Maschinenpistolen die Straße entlang, die das Lager begrenzte. Als sie den Stacheldraht erreicht hatten, hielten sie an, um sich umzusehen, wechselten scheu ein paar Worte und blickten wieder, von einer seltsamen Befangenheit gebannt, auf die durcheinanderliegenden Leichen, die zerstörten Baracken und auf uns wenige Lebende.
Sie grüßen nicht, lächelten nicht; sie schienen befangen, nicht so sehr aus Mitleid, als aus einer unbestimmten Hemmung heraus, die ihnen den Mund verschloss und ihre Augen an das düstere Schauspiel gefesselt hielt. Es war die gleiche wohlbekannte Scham, die uns nach den Selektionen und immer dann überkam, wenn wir Zeuge einer Misshandlung sein oder sie selbst erdulden mussten: jene Scham, die die Deutschen nicht kannten, die der Gerechte empfindet vor einer Schuld, die ein anderer auf sich lädt und die ihn quält, weil sie existiert, weil sie unwiderruflich in die Welt der existenten Dinge eingebracht ist und weil sein guter Wille nichts oder nicht viel gilt und ohnmächtig ist, sie zu verhindern.
So schlug auch die Stunde der Freiheit für uns ernst und lastend und erfüllte unsere Seelen mit Freude und zugleich einem schmerzlichen Schamgefühl, um dessentwillen wir gewünscht hätten, unser Bewusstsein und unser Gedächtnis von dem Gräuel, den es beherbergte, reinzuwaschen; und mit Qual, weil wir spürten, dass es nicht möglich war, dass nie irgend etwas so Gutes und Reines kommen könnte, das unsere Vergangenheit auslöschen würde, und dass die Spuren der Versündigung für immer in uns bleiben würden, in der Erinnerung derer, die es miterlebt haben, an den Orten, wo es geschehen war, und in den Berichten, die wir darüber abgeben würden. Daher – und dies ist das ungeheuerliche Privileg unserer Generation und meines Volkes – hat niemals jemand besser als wir die unheilbare Natur der Versündigung begreifen können, die sich ausbreitet wie eine ansteckende Krankheit. Es ist unsinnig, zu glauben, sie könne durch menschliche Gerechtigkeit getilgt werden. Sie ist eine unerschöpfliche Quelle des Bösen: -sie zerbricht Körper und Seele der Betroffenen, löscht sie aus und erniedrigt sie; sie fällt als Schande auf die Unterdrücker zurück, schwelt als Hass in den Überlebenden fort und wuchert weiter auf tausend Arten, gegen den Willen aller, als Rachedurst, als moralisches Nachgeben, als Verleugnung, als Müdigkeit und als Verzicht.“

Primo Levi hat sehr viel über Auschwitz geschrieben und nachgedacht. Er starb 1987 in Turin.

„Die unheilbare Natur der Versündigung“ schreibt Primo Levi – für mich trifft das sehr gut die Tiefe des Einschnitts, den das Verbrechen der Nationalsozialisten in der Menschheitsgeschichte bedeutet – nicht nur, aber besonders in Deutschland.
Es sind auch Worte, die klarmachen, dass es alles andere als selbstverständlich war, dass ein Volk der Täter, das solch ein Grauen hervorgebracht hat, je wieder im Kreis der anderen Völker akzeptiert wäre.
Es ist auch nicht selbstverständlich, dass Nachkommen der Opfer wie Ines Stenger und Elieser Zavadsky, deren Familien bis heute durch den Holocaust geprägt sind, uns die Hand reichen.
Bei unserer Veranstaltung mit der Gruppe „Zweite Generation“ im vergangenen Sommer beschrieb André Goldstein sein Aufwachsen in Deutschland als Jugendlicher Anfang der 1970er-Jahre, indem er sagte, in Deutschland in eine Diskothek zu gehen wäre ihm damals vorgekommen wie ein Tanz auf Leichenbergen.
Und hier tut sich der Unterschied auf: Die Unheilbarkeit der Versündigung trifft Opfer wie Täter. Aber André ist nur wenig älter als ich – warum bin ich damals nie auf solche Gedanken gekommen? Weil es eben nicht egal ist, auf welcher Seite der Geschichte unsere Vorfahren standen. Und weil die Deutschen es irgendwie schafften, erst Jahrzehntelang zu schweigen, um dann aber mal nach vorne zu schauen.

„Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen“ – auch das ist ein Satz von Primo Levi. Damit das aber nie wieder geschieht, damit nie wieder Menschen so etwas tun, haben wir uns vorgenommen, niemals zu vergessen, uns immer zu erinnern. Deshalb gibt es heute, am Tag des Gedenkens an die Verbrechen, Veranstaltungen an vielen Orten und heute morgen eine Feierstunde im Deutschen Bundestag.
Aber was heißt dieses „Erinnern“, zu dem auch wir uns heute hier treffen?
Stellen Sie sich einen Moment vor, jetzt, bei diesem Wetter, nur mit sehr dünner Kleidung hier zu stehen. Nicht 20 Minuten, sondern viele Stunden, zum Zählappell. Ihnen ist kalt. Stellen Sie sich vor, dass Sie Hunger haben, großen Hunger. Außerdem haben Sie Durchfall, aber auf die Toilette dürfen Sie nicht. Die Füße schmerzen, der rasierte Kopf wird immer kälter. Aber Sie wissen, dass Sie erschossen werden, wenn Sie einknicken.
Ich muss zugeben, ich kann mir das nicht vorstellen. Aber das war Alltag in Auschwitz, neben den Gaskammern, den Krematorien, den Schlägen, den Krankheiten, den medizinischen Experimenten.
Und dann hören Sie heute Menschen, die ihnen ernsthaft erklären wollen, Ungeimpften in der Corona-Pandemie ginge es wie den Juden während des Nationalsozialismus.
Es macht mich so unglaublich wütend und fassungslos, so etwas zu hören. Und ich frage mich, wo wir heute eigentlich stehen in Deutschland. Was ist da schief gelaufen?
Es gibt nach Jahrzehnten der Forschung heute mehr Informationen über das, was in der Nazi-Herrschaft passiert ist als je zuvor. Es gibt Menschen die sagen, sie seien der dauernden Behandlung des Themas in den Medien überdrüssig. Und dann sehen wir Menschen mit gelben Sternen mit dem Aufdruck „ungeimpft“ gegen eine angebliche „Corona-Diktatur“ demonstrieren.
Es sind Momente, in denen ich mich dafür schäme, Deutscher zu sein.
Aber es sind auch Momente, in denen mir klar wird, dass „Erinnerung“ oder „Erinnerungskultur“, so wie wir sie in Deutschland pflegen, offenbar nicht ausreicht. Wie kann es sein, dass bei aller Möglichkeit zur Information offenbar immer weniger gewusst und noch weniger verstanden wird?
Ich glaube, wir brauchen ein großes gemeinsames Nachdenken darüber. Für uns hat das übrigens auch etwas damit zu tun, wie wir diesen Ort, den Gutshof, das ehemalige jüdische Landwerk Neuendorf gestalten.
Erinnerung hat allerdings einen weiteren Aspekt: Der Respekt vor den Opfern.
Wir erinnern hier an diesem Ort an Jutta Baumwol, an Clara Grunwald, an Charlotte Joel, an Silvia und Karla Wagenberg, an Anneliese Ora-Borinski, an Paula und Klaus Stern und all die anderen, die im April 1943 von hier aus zunächst in die Große Hamburger Straße und von dort mit dem „37. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert wurden.
Unter ihnen war auch Esther Bejarano, die Auschwitz überlebte und ihr Leben der Aufgabe widmete, uns, die jüngeren, über den Faschismus aufzuklären. Noch im vergangenen Jahr hat sie uns besucht, hat ihre Erinnerungen mit uns geteilt und ein unvergessenes Konzert auf dem Gutshof gespielt. Es war ihr letzter Auftritt, sechs Wochen später starb sie mit 96 Jahren in Hamburg.
Esther Bejarano sagte allen, die ihr zuhörten: „Ihr müsst die Stimme gegen das Vergessen sein, wenn wir nicht mehr da sind.“ Und Jutta Baumwols Bruder Itzak rief uns bei der Einweihung dieses Denkmals im August 2018 zu, er zähle auf uns, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder geschieht.
Es ist eine große Verantwortung, die sie uns hinterlassen. Aber wir müssen sie annehmen – und das wollen wir auch.
Vielen Dank.

Am Donnerstag, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, trafen wir uns mit rund 30 Personen am Denkmal für Jutta Baumwol. Eingeladen hatte unser Verein und Pfarrer Kevin Jessa, der anschließend in die Neuendorfer Kirche zu einer Gedenkandacht bat.
Im folgenden die Rede, die unser Vorstandsmitglied Bernd Pickert am Denkmal hielt.

Liebe Freundinnen und Freunde,
heute vor 77 Jahren erreichten die ersten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Wir sprechen von diesem Tag als dem Tag der „Befreiung“ des Lagers – aber viele waren es nicht mehr, die dort befreit werden konnten.
In der sogenannten Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 hatten sich hohe NS-Funktionäre darauf verständigt, wie der Mord an insgesamt 11 Millionen europäischen Juden durchzuführen sei. Tatsächlich erreichten sie, über 6 Millionen davon zu töten, bevor ihre Herrschaft endlich zusammenbrach.
In Auschwitz allein war über eine Million Menschen seit Bestehen des Lages umgebracht worden. Am 17. Januar waren beim letzten Zensus des Lagers noch 68.000 Gefangene gezählt worden. Als die sowjetischen Soldaten eintrafen, waren es noch knapp 8.000.
Neun Tage zuvor war das Lager geräumt worden, Zehntausende wurden auf den Todesmarsch geschickt, in klirrender Kälte, geschwächt, nur mit der dünnen Häftlingskleidung, mit schlechtem Schuhwerk. Nur die Kranken blieben zurück – die SS hatte es nicht mehr geschafft, sie zu ermorden, und ließ sie zum Sterben zurück.

Primo Levi, 1919 in Turin geboren, war ein italienischer liberaler Jude. Als Student schloss er sich im Herbst 1943 dem antifaschistischen Widerstand an. Im Dezember geriet seine Gruppe in Gefangenschaft, im Februar 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert.
An Scharlach erkrankt, war er im Januar 1945 zusammen mit etwa 800 anderen Gefangenen im Krankentrakt von Buna-Monowitz – das war ein Außenlager von Auschwitz, in dem die IG Farben unter Ausnutzung der Gefangenen ein Chemiewerk betrieb. Primo Levi war als Chemiker dort eingesetzt gewesen, jetzt gehörte er zu jenen wenigen, die noch in Auschwitz waren, als die Rote Armee dort eintraf.

In seinem Buch „Die Atempause“ beschreibt er die Szene so:

„Die erste russische Patrouille tauchte gegen Mittag des 27. Januar 1945 in Sichtweite des Lagers auf. Es waren vier junge Soldaten zu Pferde; vorsichtig ritten sie mit erhobenen Maschinenpistolen die Straße entlang, die das Lager begrenzte. Als sie den Stacheldraht erreicht hatten, hielten sie an, um sich umzusehen, wechselten scheu ein paar Worte und blickten wieder, von einer seltsamen Befangenheit gebannt, auf die durcheinanderliegenden Leichen, die zerstörten Baracken und auf uns wenige Lebende.
Sie grüßen nicht, lächelten nicht; sie schienen befangen, nicht so sehr aus Mitleid, als aus einer unbestimmten Hemmung heraus, die ihnen den Mund verschloss und ihre Augen an das düstere Schauspiel gefesselt hielt. Es war die gleiche wohlbekannte Scham, die uns nach den Selektionen und immer dann überkam, wenn wir Zeuge einer Misshandlung sein oder sie selbst erdulden mussten: jene Scham, die die Deutschen nicht kannten, die der Gerechte empfindet vor einer Schuld, die ein anderer auf sich lädt und die ihn quält, weil sie existiert, weil sie unwiderruflich in die Welt der existenten Dinge eingebracht ist und weil sein guter Wille nichts oder nicht viel gilt und ohnmächtig ist, sie zu verhindern.
So schlug auch die Stunde der Freiheit für uns ernst und lastend und erfüllte unsere Seelen mit Freude und zugleich einem schmerzlichen Schamgefühl, um dessentwillen wir gewünscht hätten, unser Bewusstsein und unser Gedächtnis von dem Gräuel, den es beherbergte, reinzuwaschen; und mit Qual, weil wir spürten, dass es nicht möglich war, dass nie irgend etwas so Gutes und Reines kommen könnte, das unsere Vergangenheit auslöschen würde, und dass die Spuren der Versündigung für immer in uns bleiben würden, in der Erinnerung derer, die es miterlebt haben, an den Orten, wo es geschehen war, und in den Berichten, die wir darüber abgeben würden. Daher – und dies ist das ungeheuerliche Privileg unserer Generation und meines Volkes – hat niemals jemand besser als wir die unheilbare Natur der Versündigung begreifen können, die sich ausbreitet wie eine ansteckende Krankheit. Es ist unsinnig, zu glauben, sie könne durch menschliche Gerechtigkeit getilgt werden. Sie ist eine unerschöpfliche Quelle des Bösen: -sie zerbricht Körper und Seele der Betroffenen, löscht sie aus und erniedrigt sie; sie fällt als Schande auf die Unterdrücker zurück, schwelt als Hass in den Überlebenden fort und wuchert weiter auf tausend Arten, gegen den Willen aller, als Rachedurst, als moralisches Nachgeben, als Verleugnung, als Müdigkeit und als Verzicht.“

Primo Levi hat sehr viel über Auschwitz geschrieben und nachgedacht. Er starb 1987 in Turin.

„Die unheilbare Natur der Versündigung“ schreibt Primo Levi – für mich trifft das sehr gut die Tiefe des Einschnitts, den das Verbrechen der Nationalsozialisten in der Menschheitsgeschichte bedeutet – nicht nur, aber besonders in Deutschland.
Es sind auch Worte, die klarmachen, dass es alles andere als selbstverständlich war, dass ein Volk der Täter, das solch ein Grauen hervorgebracht hat, je wieder im Kreis der anderen Völker akzeptiert wäre.
Es ist auch nicht selbstverständlich, dass Nachkommen der Opfer wie Ines Stenger und Elieser Zavadsky, deren Familien bis heute durch den Holocaust geprägt sind, uns die Hand reichen.
Bei unserer Veranstaltung mit der Gruppe „Zweite Generation“ im vergangenen Sommer beschrieb André Goldstein sein Aufwachsen in Deutschland als Jugendlicher Anfang der 1970er-Jahre, indem er sagte, in Deutschland in eine Diskothek zu gehen wäre ihm damals vorgekommen wie ein Tanz auf Leichenbergen.
Und hier tut sich der Unterschied auf: Die Unheilbarkeit der Versündigung trifft Opfer wie Täter. Aber André ist nur wenig älter als ich – warum bin ich damals nie auf solche Gedanken gekommen? Weil es eben nicht egal ist, auf welcher Seite der Geschichte unsere Vorfahren standen. Und weil die Deutschen es irgendwie schafften, erst Jahrzehntelang zu schweigen, um dann aber mal nach vorne zu schauen.

„Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen“ – auch das ist ein Satz von Primo Levi. Damit das aber nie wieder geschieht, damit nie wieder Menschen so etwas tun, haben wir uns vorgenommen, niemals zu vergessen, uns immer zu erinnern. Deshalb gibt es heute, am Tag des Gedenkens an die Verbrechen, Veranstaltungen an vielen Orten und heute morgen eine Feierstunde im Deutschen Bundestag.
Aber was heißt dieses „Erinnern“, zu dem auch wir uns heute hier treffen?
Stellen Sie sich einen Moment vor, jetzt, bei diesem Wetter, nur mit sehr dünner Kleidung hier zu stehen. Nicht 20 Minuten, sondern viele Stunden, zum Zählappell. Ihnen ist kalt. Stellen Sie sich vor, dass Sie Hunger haben, großen Hunger. Außerdem haben Sie Durchfall, aber auf die Toilette dürfen Sie nicht. Die Füße schmerzen, der rasierte Kopf wird immer kälter. Aber Sie wissen, dass Sie erschossen werden, wenn Sie einknicken.
Ich muss zugeben, ich kann mir das nicht vorstellen. Aber das war Alltag in Auschwitz, neben den Gaskammern, den Krematorien, den Schlägen, den Krankheiten, den medizinischen Experimenten.
Und dann hören Sie heute Menschen, die ihnen ernsthaft erklären wollen, Ungeimpften in der Corona-Pandemie ginge es wie den Juden während des Nationalsozialismus.
Es macht mich so unglaublich wütend und fassungslos, so etwas zu hören. Und ich frage mich, wo wir heute eigentlich stehen in Deutschland. Was ist da schief gelaufen?
Es gibt nach Jahrzehnten der Forschung heute mehr Informationen über das, was in der Nazi-Herrschaft passiert ist als je zuvor. Es gibt Menschen die sagen, sie seien der dauernden Behandlung des Themas in den Medien überdrüssig. Und dann sehen wir Menschen mit gelben Sternen mit dem Aufdruck „ungeimpft“ gegen eine angebliche „Corona-Diktatur“ demonstrieren.
Es sind Momente, in denen ich mich dafür schäme, Deutscher zu sein.
Aber es sind auch Momente, in denen mir klar wird, dass „Erinnerung“ oder „Erinnerungskultur“, so wie wir sie in Deutschland pflegen, offenbar nicht ausreicht. Wie kann es sein, dass bei aller Möglichkeit zur Information offenbar immer weniger gewusst und noch weniger verstanden wird?
Ich glaube, wir brauchen ein großes gemeinsames Nachdenken darüber. Für uns hat das übrigens auch etwas damit zu tun, wie wir diesen Ort, den Gutshof, das ehemalige jüdische Landwerk Neuendorf gestalten.
Erinnerung hat allerdings einen weiteren Aspekt: Der Respekt vor den Opfern.
Wir erinnern hier an diesem Ort an Jutta Baumwol, an Clara Grunwald, an Charlotte Joel, an Silvia und Karla Wagenberg, an Anneliese Ora-Borinski, an Paula und Klaus Stern und all die anderen, die im April 1943 von hier aus zunächst in die Große Hamburger Straße und von dort mit dem „37. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert wurden.
Unter ihnen war auch Esther Bejarano, die Auschwitz überlebte und ihr Leben der Aufgabe widmete, uns, die jüngeren, über den Faschismus aufzuklären. Noch im vergangenen Jahr hat sie uns besucht, hat ihre Erinnerungen mit uns geteilt und ein unvergessenes Konzert auf dem Gutshof gespielt. Es war ihr letzter Auftritt, sechs Wochen später starb sie mit 96 Jahren in Hamburg.
Esther Bejarano sagte allen, die ihr zuhörten: „Ihr müsst die Stimme gegen das Vergessen sein, wenn wir nicht mehr da sind.“ Und Jutta Baumwols Bruder Itzak rief uns bei der Einweihung dieses Denkmals im August 2018 zu, er zähle auf uns, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder geschieht.
Es ist eine große Verantwortung, die sie uns hinterlassen. Aber wir müssen sie annehmen – und das wollen wir auch.
Vielen Dank.

10. Juli 2021

„Wir dürfen nicht schweigen!“

Ein Nachruf auf Esther Bejarano

Esther Bejarano (15.12.1924 – 10.07.2021) bei ihrem Besuch in Neuendorf

Auf den Tag genau sechs Wochen ist es her, dass wir Esther Bejarano bei uns auf dem Gutshof Neuendorf im Sande gemeinsam mit der Band Microphone Mafia zu Gast hatten. Es war ihr letztes Konzert. Heute, am 10. Juli 2021, ist sie gestorben.

Mit Neuendorf verband sie eine besondere Geschichte. 1941 war Esther Bejarano als 16-Jährige auf dem Gutshof Neuendorf interniert worden. Sie musste in einem Blumenladen in Fürstenwalde Zwangsarbeit leisten, bis sie im April 1943 mit anderen jüdischen Jugendlichen von Neuendorf aus zunächst nach Berlin in die Große Hamburger Straße und von dort aus mit dem „37. Osttransport“ in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde.

Bei ihrem Besuch bei uns, teilte sie mit uns ihre Erinnerungen an diese Zeit. Daran, dass sie mit den anderen Mädchen im ehemaligen Jagdschloss des Gutshofes untergebracht war, an die harte Arbeit, an die Unterdrückung durch die SS, an die beschwerlichen Momente auf dem Hof. Esther Bejarano überlebte nach den Lagern Auschwitz und Ravensbrück auch einen wochenlangen Todesmarsch, dem sie schließlich – gemeinsam mit einigen Freundinnen aus der Zeit in Neuendorf – entkam. „Als wir im Konzentrationslager waren, haben sich einige Freundinnen von mir das Leben genommen: Sie sind in den Stacheldraht gegangen, der elektrisch geladen war. Das hätte ich niemals gemacht.“

Und Esther Bejarano gab uns mahnende Worte mit auf den Weg. „Wenn die Regierung nichts gegen die Nazis tut, dann müssen wir das tun. Wir dürfen nicht schweigen!“ Diese Worte hallen weit über ihren Besuch bei uns nach. Gerade in Zeiten, in denen rechtsextremes Gedankengut und antisemitische Angriffe nahezu salonfähig geworden sind. „Wir überleben trotzdem. Wir sind da!“ sagte Esther Bejarano während ihres Konzerts mit ihrer Band Microphone Mafia. Ihre Botschaft ist auch für uns ein Auftrag.

96 Jahre alt wurde Esther Bejarano. Ein unglaubliches Alter. Als sie nach mehr als sieben Stunden Autofahrt in Neuendorf im Sande eintraf, wollte sie nichts weiter als auf die Bühne, zu ihrem Publikum. Ein Paar Tassen Schwarztee, eine Wärmflasche und eine Decke gegen das unwirtliche Wetter an diesem kühlen Tag Ende Mai. Mehr brauchte sie nicht. Fast zwei Stunden lang begeisterte sie uns mit ihren Erzählungen, ihrer Geschichte, ihrer Musik. Uns Erwachsene, wie unsere Kinder.

Auf Esther Bejaranos Auftritt in Neuendorf haben wir lange gewartet. Als sie zum Abschluss des Tages mit uns in unserem Gemeinschaftsraum zu Abend aß, haben wir noch abgemacht, dass wir uns auf jeden Fall wiedersehen. „Wenn es euch mit mir so gut gefallen habt, dann komme ich nächstes Jahr wieder“, sagte sie. Daraus wird nun nichts.

Es war eine Ehre für uns, sie an diesem Ort, der für Hunderte Menschen in den 1940er Jahren Hoffnung und Schrecken bedeutete, zu begrüßen. Wir haben eine Frau kennengelernt, die eine unfassbare Kraft und Stärke ausstrahlte, einen Menschen, der nie ans Aufgeben dachte, sondern nur ans Überleben, ans Weitermachen. Wir sind sehr traurig. Wir werden sie nie vergessen.

Julia Cartarius, Sarah Graber, Mahir Kartal, Silke Kehl, Bernd Pickert, Lukas Pottiez, Tanja Tricarico, Simon Unger, Katharina Vorbau

8. Mai 2021

Im vergangenen Jahr verabschiedete die Gemeindevertretung von Steinhöfel die „Erklärung für ein weltoffenes Steinhöfel“. Darüber, was das eigentlich heißt, wollten wir eigentlich an diesem 8. Mai, dem Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, bei uns auf dem Gutshof diskutieren. Mit Menschen aus dem Bündnis Weltoffenes Steinhöfel, mit Gemeindevertreter*innen, mit Anwohner*innen. Gleichzeitig wollten wir an die erinnern, die vom Gutshof aus im April 1943 nach Auschwitz deportiert wurden. Viele von ihnen erlebten die Befreiung nicht mehr. Den Abschluss sollte ein Konzert der wunderbaren Band Compania Bataclan bilden. Wegen der Coronapandemie haben wir das alles in ein Videoformat übersetzt – das Ergebnis seht ihr hier!

7. Mai 2020

Kein Betroffenheits-Museum, sondern ein Ort der Begegnung! Wir haben uns mit unserem Nachbarn Arnold Bischinger von der Kulturscheune Neuendorf zusammengesetzt, um darüber zu sprechen, wie Erinnerungsorte lebendig werden können und was ihn selbst bei der Beschäftigung mit der Geschichte des Gutshofes am meisten beeindruckt hat. Bischinger, inzwischen Leiter des Kulturamts in Beeskow, hatte vor einigen Jahren damit angefangen, mit Ausstellungen und Veranstaltungen an die jüdische Geschichte des ehemaligen Landwerks zu erinnern. Hier das Video vom Gespräch mit Bernd Pickert.

Dank an Tanja Tricarico fürs Filmen und an Simon Unger für Hilfe beim Bearbeiten!

15. März 2020

Leider sind wir durch die Corona-Lage ausgebremst und es ist derzeit unklar, wann wir wieder Besuchergruppen auf dem Gutshof empfangen können.

5. Januar 2020

Wir werden in absehbarer Zeit (wir sind bei der Renovierung) Räume auf dem Gutshof haben, um zu zeigen, was wir bislang über die Geschichte des Landwerks Neuendorf haben herausfinden können. In der – zu DDR-Zeiten eingerichteten – Gemeinschaftsküche im Keller des Gutshauses haben wir einige Räume angemietet, die vermutlich spätestens ab Mitte Februar in leidlich präsentablem Zustand sein werden.

Wer vorbeikommen möchte: Bitte Mail an info@geschichte-hat-zukunft.org